Interview

Quo vadis, Scheibenwelt?

Die große Frage lautet: In welche Richtung entwickelt sich die Scheibenwelt nach über dreißig Romanen?

Ich weiß es nicht. Auch als ich erst zehn Romane geschrieben hatte, wusste ich nicht, wie es weitergehen sollte, und wenn ich damals eine Vorhersage gewagt hätte, wäre sie aller Wahrscheinlichkeit nach falsch gewesen. Ich kann nur sagen, dass es weniger Schenkelklopfer-Klamauk geben wird; die Komik wird immer mehr in den Wechselbeziehungen von Person und Situation liegen. Nur so kann es weitergehen.

Heute weiß ich aber noch weniger, wie die Zukunft der Scheibenwelt aussehen soll. Das Schreiben macht mir Spaß, aber die Fans warten nicht einfach gespannt auf die Bücher, sie fordern sie geradezu ein. Sie schreiben mir und fragen: "Welche Bücher hast du in petto?" Aber ich habe nun mal nichts in petto.

Aber du bist dafür berühmt, sofort ein neues Buch anzufangen, wenn eins fertig ist!

"Berüchtigt" wäre das passendere Wort. Ich wünschte, ich hätte das nie erwähnt. Aber ich greife damit nur auf eine Bemerkung von Douglas Adams zurück: Am besten beginnt man ein neues Buch, solange man noch dieses herrliche warme Gefühl nach Beendigung des letzten hat. Ein guter Rat, den er selbst nie beherzigte, soweit ich weiß. Aber es funktioniert.

Die letzten ein oder zwei Monate bei der Arbeit an einem Buch sind streng genommen keine sehr kreative Phase. Man feilt und poliert nur noch, und das kann ziemlich anstrengend sein. Dann beginne ich damit, mit einem neuen Buch herumzuspielen, um mich zu entspannen. Manchmal habe ich schon zehntausend Wörter des nächsten Romans geschrieben, wenn mich der Dankesbrief des Verlages für den letzten erreicht, aber es ist alles wirres Zeug, grobe Entwürfe von Szenen, Beschreibungen von Charakteren und solche Dinge. Man kann kaum vom Entwurf null sprechen, geschweige denn vom ersten Entwurf, aber es ist eine gute Basis.

Äh … eigentlich schon, oder?

Äh .. ja stimmt, aber ich weiß nicht, ob das besonders gut ankommt. Doch wenn ich zu viel arbeite, könnte das kontraproduktiv werden. Und vielleicht wäre es eine gute Idee, öfter mal eine Pause einzulegen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Fantasy-Charakteren sind die der Scheibenwelt oft unverwechselbare Gestalten, die für die Leser sehr real geworden sind. Auf bestimmte Situationen reagieren sie auf eine vorhersehbare Art und Weise. Viele wichtige Personen sind inzwischen klar definiert. Fühlst du dich dadurch eingeschränkt?

Nein. Sam Mumm zum Beispiel reagiert zweifellos auf eine vorhersehbare Weise. Aber anschließend denkt er nicht mehr vorhersehbar. Er ist intelligent, er lernt, er verändert sich. Wie dem auch sei: Beim Schreiben geht es ja gerade um Einschränkungen. Sie geben der Erzählung Form. Erinnerst du dich daran, als wir an der Karte von Ankh-Morpork arbeiteten und die Leute dachten, das würde die zukünftigen Geschichten stark einschränken? Allein der Akt, Einschränkungen zu schaffen, zwang mich, mir die Stadt als eine reale, funktionierende Einheit vorzustellen, und das hat großen Einfluss auf die nächsten Bücher gehabt.

Du hast schon einmal über den Tod von Protagonisten gesprochen. Die Eigendynamik der Geschichten ist inzwischen sehr stark geworden: Siehst du eine Situation, in der gegen deinen Willen eine wichtige Figur sterben muss? Eine, die du lieber am Leben erhalten möchtest?

Noch nicht. Aber ich erkenne, dass sich gewisse Dinge ändern müssen. Es ist schon jetzt ziemlich schwer, Oma Wetterwachs in die Handlung einzubauen. Andererseits dringe ich immer tiefer in die Scheibenwelt vor, und das gibt mir mehr Freiheit.

Inzwischen ist klar, dass man mit Fantasy im Kino Kasse machen kann. Woran liegt es, dass die Scheibenwelt immer noch nicht verfilmt wird?

Äh, hauptsächlich an mir. Und die Filmindustrie trägt auch ihren teil dazu bei, muss ich sagen. Vor kurzem meinte FilmFour, die Scheibenwelt sei zu "intellektuell und sophisticated". Und dann sind sie eh pleite gegangen. Schade. Und jemand anders meinte, "Das Erbe des Zauberers" würde als Film "wie eine Parodie auf Harry Potter aussehen".

Bei Maurice, der Kater bin ich ein bisschen optimistischer, denn ein Typ in Hollywood hat gesagt: "Niemand will einen Film über einen Haufen Ratten sehen." Das klingt, als würde er es irgendwann einmal bereuen. Das ist so die Schiene: "Niemand will einen Film sehen, an dessen Ende ein Schiff untergeht."

Nun, wenn man schon eine Weile im Geschäft ist, weiß man, dass ein Filmdeal erstmal gar nichts bedeutet. Viele Leute bieten einem einen Deal an, aber nur wenige von ihnen sind imstande, einen Film zu produzieren. Sie wollen nur die Rechte in ihren Besitz bringen – jede Menge Rechte. Zum Teufel damit.

Vielleicht klappt es irgendwann, vielleicht auch nicht. Es hat ein halbes Jahrhundert gedauert, um einen anständigen Film aus "Der Herr der Ringe" zu machen, und der Himmel weiß, was inzwischen mit dem Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Film passiert ist. Ehrlich gesagt Ich schätze, es wird nie einen Scheibenwelt-Film geben, und wenn nicht in den nächsten Jahren einer produziert wird, so wäre es mir leiber, dass überhaupt nie einer gedreht wird.

Warum?

Was wäre denn dabei für mich drin? Geld? Ich habe Geld. Ruhm? Das bezweifle ich. Rincewind, Mumm oder Nanny Ogg als biegsame Plastikfiguren? Warum? Es gäbe nur Probleme, und die brauche ich nicht.

"Die Gefährten" gilt allgemein als großartiger Film.

Ich glaube, Tolkien ist sehr gut zu verfilmen. Und im "Herrn der Ringe spielt die Landschaft eine große Rolle. Aber in der Scheibenwelt geht es um Dialoge, was einer der Gründe dafür ist, warum sie womöglich schwer zu verfilmen ist. Allerdings hat das wieder den Vorteil, dass sie gut ins Theater passt. Letztes Jahr habe ich in Prag die erste professionelle Produktion von "MacBest" gesehen. Das Stück wurde vor einem Erstaufführungspublikum gespielt, das nicht aus Fans bestand, in einem großen Theater, und die Schauspieler wurden so oft vor den Vorhang gerufen, dass selbst sie irgendwann genug hatten. Das geschieht nicht sehr oft, nehme ich an. So was ist in einem Kinosaal nicht möglich.

Nach zwanzig Jahren Scheibenwelt: Wer ist der typische Scheibenwelt-Leser?

Weißt du, das Sonderbare an dieser Frage ist: Ich kann dir eine vollkommen wahre Antwort geben, und es ändert überhaupt nichts an der Sache.

Soweit wir wissen, sind die meisten Scheibenwelt-Leser über fünfundzwanzig, und etwa sechzig Prozent sind Frauen. Das geht aus Untersuchungen, meiner Post und Stichproben hervor. Aber inzwischen gehört es zur Mythologie der Scheibenwelt, dass mein typischer Leser ein vierzehnjähriger Junge namens Kevin ist. Es muss stimmen, denn es steht immer wieder in den Zeitungen, wobei meistens impliziert wird, dass das nichts Gutes ist – eine Art Anti-Hype. Und das allein ist schon erstaunlich, denn nach dem, was ich von Lehrern und Bibliothekaren höre, verdient man eine Medaille, wenn man einen vierzehnjährigen Jungen zum Lesen bringt.

Wie dem auch sei: es ergibt keinen Sinn. All die Kevins, die vor zwanzig Jahren "Die Farben der Magie" gelesen haben, denken inzwischen vermutlich über die Altersversorgung nach. Ich stoße überall auf Scheibenwelt-Fans: Polizisten, Flugbegleiter, Akademiker und die nette alte Dame, die letztes Jahr am Flughafen von Sydney meine Schuhe desinfiziert hat. Man bemerkt sie erst, wenn sie sich zu erkennen geben, was ich recht beunruhigend finde, insbesondere dann, wenn einem bei jedem Schritt Desinfektionsmittel aus den Schuhen quillt.

Es muss am Namen Kevin liegen. Ich bin sicher, es würde nicht so schlimm klingen, wenn es Rupert wäre.

Auszüge aus einem Interview von Stephen Briggs
Vollständig nachzulesen in Terry Pratchett & Stephen Briggs: Die Scheibenwelt von A bis Z,
aktualisierte Neuauflage (2007)

Terry Pratchett

Interview aus Die Scheibenwelt von A bis Z, aktualisierte Neuauflage (2007)

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