Terry Pratchett
Terry Pratchett
Special zum Hörbuch "Schöne Scheine"

Boris Aljinovic hat diese Scheibenwelt-Geschichte als fünftes Pratchett-Hörbuch mit wahrhaft ohrenfälligem Vergnügen für Random House Audio eingelesen. Das große Stimmentalent mit Einfühlungsvermögen für die unterschiedlichen Charaktere wurde 2007 als Sprecher des "Besten Kinder-/ Jugendhör-
buchs" mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet.

Hörprobe abspielen (4,77 MB)



Wie das Papiergeld in die Scheibenwelt kam

Feucht von Lipwigs Erfindungsgabe, mit der es ihm gelang, die Postwertzeichen so aufzuwerten, dass sie zu einer echten Konkurrenz der Münzwährung wurden, ist Havelock Vetinari sehr gegenwärtig. Der Herrscher über Ankh-Morpork ist besorgt, weil das Bankwesen der Hauptstadt darniederliegt und die Sparer Matratzen und Socken den Vorzug geben. Er bittet seinen Postminister um Hilfe: Feucht von Lipwig soll in die Bank eintreten.

"Ein Bankier? Ich?"
"Ja, Herr Lipwig."
"Aber ich habe keine Ahnung, wie man eine Bank führt!"
"Sehr gut. Dann kannst du vorurteilsfrei an die Sache herangehen."
"Ich habe Banken ausgeraubt!"
"Famos! Du musst deine Aufgabe nur andersherum sehen", sagte Lord Vetinari mit einem strahlenden Lächeln. "Das Geld sollte drinnen bleiben." [...]
"Aber die Bank sollte von jemandem geleitet werden, der etwas von Banken versteht."
"Leute, die etwas von Banken verstehen, haben die Bank in die Lage gebracht, in der sie jetzt ist", sagte Vetinari. "Und ich bin nicht zum Herrscher über Ankh-Morpork geworden, weil ich etwas von dieser Stadt verstehe. [...]"

Doch der Postminister lässt sich von den Drohungen breitschlagen und willigt ein, sich Bank und Münzamt wenigstens einmal näher anzuschauen. Neben der eigenwilligen Bankdirektorin Tüppi Üppig, die das Amt von ihrem verstorbenen Mann Joshua übernommen hat, dem fiependen Herrn Quengler, der "der kleinste und hässlichste Hund [war], den Feucht jemals zu Gesicht bekommen hatte", lernt er dort noch Mavolio Beuge, den Hauptkassierer der Bank, sowie Hubert aus der Kelleretage samt seinem Igor kennen.


Keine Bank ohne Blubber

Huberts Arbeitsgebiet ist der Blubber - was man natürlich am stetigen Hintergrundblubbern hört. Wie es dort riecht, lässt sich ja nur schlecht in einem Hörbuch darstellen, wenn es auch thematisiert wird:

"Der Geruch einer Bank ist recht angenehm, findest du nicht auch?", sagte Vetinari. "Eine Mischung aus Bohnerwachs, Tinte und Reichtum."
"Und Wucher", sagte Feucht.

Hubert selbst ist, wie Feucht von Lipwig später über ihn sagen wird, "Ökonom. Das ist so etwas wie ein Alchimist, nur dass er nicht ganz so viel Dreck macht." Und der Blubber? Der Blubber ist eine "Analogiemaschine" aus gläsernen Röhren und Verbindungen, deren Glasmatrix in der Lage ist, den Fluss des Geldes zu veranschaulichen. Wie das Blut in den Adern kursiert, um den Betrieb des Körpers aufrecht zu erhalten so erkennt man anhand des Blubbers, wie das Wirtschaftssystem funktioniert, wo Krisen oder Überbeanspruchung drohen.

"Durch die geometrische Form gewisser Gefäße, den Einsatz von Ventilen und die - ich bitte das Eigenlob zu entschuldigen - geniale Idee, Überlaufbehälter und Durchflusspropeller zu verwenden, ist der Blubber in der Lage, sehr komplexe Transaktionen zu simulieren. Wir können außerdem die Ausgangsbedingungen verändern, um mehr über die Regeln zu erfahren, die das System bestimmen."
Feucht nickte. "Zeig mir ... zeig mir, was passiert, wenn die Leute genug von Banken haben."
"Ach ja, ein sehr beliebtes Problem. Igor, stell Programm Fünf ein!", rief Hubert einer unsichtbaren Gestalt in dem Wald aus Glasröhren zu. Man hörte, wie Schrauben quietschend gedreht wurden, und dann, wie Flüssigkeitsbehälter sich gluckernd füllten.
"Igor?", sagte Feucht. "Du hast einen Igor?"
"Aber ja", sagte Hubert. "So kriege ich dieses wunderbare Licht. Sie kennen das Geheimnis, wie man Licht in Gefäßen speichert! Aber lass dich dadurch nicht beunruhigen, Herr Lippspick. Nur weil ich einen Igor beschäftige und in einem Keller arbeite, bin ich noch lange kein Verrückter, ha ha ha!"
"Ha ha", pflichtete Feucht ihm bei.
"Ha hah hah!", sagte Hubert. "Hahahahahaha!! Ahahahahahahhhhh!!!!!"


"Igor?", sagte Feucht. "Du hast einen Igor?"

Der Scheibenweltunkundige mag sich über diesen Ausbruch wundern. Daher sei zur Erläuterung nachgetragen, was es mit den Igors auf sich hat. Ihr Aussehen ist geprägt durch Narben und Körperteile, die offenkundig von unterschiedlichsten Vorbesitzern stammen. Durch verschiedengroße Extremitäten sind sie in Bewegung und Ausdruck leicht gehandicapt. Huberts Igor lispelt - meistens jedenfalls.

Stets trifft man Igors in dienender Funktion, wobei sie in der Regel einem wahnsinnigen Auftraggeber untergeordnet sind. Ihre besondere Fähigkeit liegt übrigens darin, sich selbst operieren und auch andere Körper zusammenbasteln und manipulieren zu können, was auch in dieser Episode noch geschehen wird.


Herr Quengler und die Üppigs

Durch besondere Umstände wird Feucht anstelle von Tüppi Üppig zum Entscheidungsträger der königlichen Bank - genauer gesagt Herrn Quengler, doch Lipwig fungiert als dessen Sprachrohr und lässt sich jede seiner Maßnahmen durch einen Pfotenabdruck besiegeln. Und an neuen Maßnahmen fallen ihm so einige ein.

Die übrige Familie Üppig, die 49 Prozent der Bankanteile hält, ist mit diesen Änderungen nicht einverstanden. Die Üppigs sind alter Geldadel, traditionell im Bankgeschäft tätig und mit der steten Absicht, sich gegenseitig zu übervorteilen. Allen voran Tüppis Stiefkinder, die Zwillinge Cosmo und Pucci, die beide so raffgierig sind, wie die Gene und /oder die Familientradition es ihnen vorgegeben haben. Für Lipwig entwickelt sich das zum Karrierehindernis...


Pecunia non olet

Kurze Zeit nachdem Lipwig mit seiner bedeutendsten Änderung beginnt - der Einführung von Banknoten, die ganz ohne Materialwert Wert schaffen -, interessiert sich einer der reichsten Männer von Ankh-Morpork für einen Kredit. Es handelt sich um Paul König, den Entsorgungsspezialisten der Hauptstadt, der sein Geld durch den Abtransport von Urin und Hundekot stetig vermehrt. Er gilt als stinkreich im wahrsten Sinne des Wortes und zeichnet sich - nicht eben typisch für die Region - dadurch aus, dass er berlinert und ein klein wenig nach dem ehemaligen Tatort-Kollegen Paul Stöver klingt.

Sprachlich ebenso unverwechselbar ist ein Schatten aus der Vergangenheit, ein Bekannter aus Lipwigs finsteren Gaunertagen, der plötzlich auftaucht: Krippling, der Mann mit den schlecht sitzenden falschen Zähnen: "Er hatte sie aus dem Mund eines Greises gerissen, den er ausgeraubt hatte, während der arme Teufel am Boden lag und vor Angst starb!" Krippling, der durch sein Wissen zu einer unkalkulierbaren Größe wird, ist erkennbar an seinem übermäßigen Speichelfluss, den er bei jedem Satz geräuschvoll einsaugt. So unappetitlich wie das klingt, ist auch sein Charakter.


Zwischen Geld und Gefühl

Nun haben wir schon fast alle wesentlichen Figuren dieser Scheibenwelt-Geschichte kennengelernt. Doch ist ein Nebenzweig der Geschichte bisher noch unerwähnt geblieben, in dem es nicht um Geld geht - jedenfalls nicht nur -, sondern auch um Liebe.

Feucht von Lipwig ist nämlich in festen Händen. Einmal ist da Gladys, eine Mischung aus Haushälterin und Sekretärin, und andererseits Adora Belle, seine geliebte Kettenraucherin und Verlobte. "Gladys war ein Golem, ein Mann aus Ton (beziehungsweise, um einer komplizierten Diskussion vorzubeugen, eine Frau aus Ton) und über zwei Meter groß. Sie - nun ja, mit einem Namen wie "Gladys" war "es" undenkbar, und "er" passte einfach nicht - trug ein sehr großes blaues Kleid." Sie ist heimlich in ihren Chef verliebt und reagiert deprimiert, als Adora Belle von ihrer Forschungsreise im Auftrag der Golemstiftung zurückkehrt und Lipwig für sich beansprucht.


Golems - früher und heute

"Früher waren Golems sehr hübsch gewesen. Damals schienen sich die besten Bildhauer Mühe gegeben zu haben, mit den schönsten Statuen zu konkurrieren. Doch seitdem hatte es zu viele Pfuscher gegeben, die mit ungelenken Fingern kaum eine Schlange aus Ton formen konnten. Sie hatten festgestellt, dass die Dinger genauso gut funktionierten, wenn man das Zeug bloß in die Form großer ungehobelter Lebkuchenmänner knetete."

Aus dieser späteren Epoche stammt Gladys, wie ihre dunkel grollende Stimme enthüllt. Letztlich hilft ihr Adora Belle, sich zu emanzipieren, wodurch allerdings Lipwig ihrer vierundzwanzig Stunden währenden Arbeitsbereitschaft verlustig geht. Auch in anderer Hinsicht sorgt Adora Belle dafür, dass die unermüdlich dienstbare Kraft der Golems für nichts und niemanden ins Zerstörerische umschlägt. Doch bis dahin nimmt das Bankwesen von Ankh-Morpork noch manche abenteuerliche Wendung.


Kredit und Misskredit

Dem einfallsreichen Lipwig ist mit seinem Innovationsschub für die Königliche Bank nämlich Erfolg beschieden, wie Hauptkassierer Beuge nicht ohne Gram beobachtet:

"Ständig wurden neue Konten eröffnet. Und warum? Hatte es etwas mit Vertrauen zu tun? Mit Redlichkeit? Mit dem Streben nach Sparsamkeit? War es wegen irgendeiner Sache, die irgendetwas mit Wert zu tun hatte?
Nein! Es war wegen Lipwig! Leute, die Herr Beuge nie zuvor gesehen hatte und auch nie wiederzusehen hoffte, strömten in die Bank und schleppten ihr Geld in Kästen, in Sparschweinen und in vielen Fällen sogar in Socken heran. Manchmal trugen sie die Socken sogar noch!
Und sie taten es nur aufgrund von Worten! Die Geldsäcke der Bank füllten sich, weil der verfluchte Herr Lipwig die Leute zum Lachen brachte und ihnen Hoffnung machte. Die Leute mochten ihn. Niemand hatte je Herrn Beuge gemocht."

Und so bewahrheitet sich die alte Weisheit, dass für den Geldmarkt Psychologie der entscheidende Erfolgsfaktor ist.


Frauen und Geld regieren die Welt

Doch nicht nur Herr Beuge, angestoßen durch den ersten Fehler, den er in seiner 39-jährigen Dienstzeit gemacht hat, erlangt letztlich bahnbrechend neue Erkenntnisse über die Bank und sich selbst. Ein lebenslanges Geheimnis wird aufgedeckt, was ihm das Tor in ein neues Dasein aufstößt.

Auch auf Hubert, den Hüter des Blubbers, wartet eine sensationelle Überraschung. Seine Analogiemaschine entpuppt sich als etwas ganz anderes, als er bisher vermutet hatte, und auch die Handhabung dieses Wirtschaftsmodells zeigt andere Konsequenzen als er dem blubbernden Wasser jemals zugetraut hätte.

Nicht ganz so überraschend ist hingegen, dass Lipwig alle dramatischen Irrungen und Wirrungen wohlbehalten übersteht und glücklich und zufrieden aus den jüngsten Entwicklungen in Ankh-Morpork hervorgeht.
Schließlich war es, der schon früh sagte: "Das Glück kommt nur zu denjenigen, die ihm einen Platz einräumen ..."


Money Money Money Money Money Money Money Money Money

Boris Aljinovic brilliert erneut als Pratchett-Interpret. Ob die monströse Golemdame Gladys, der wahnsinnige, wenngleich auf seine Normalität beharrende Hubert, der lispelnde Igor, der sabbernde Krippling oder der sich und sein Schicksal reflektierende Hauptkassierer Beuge - jede Figur besticht durch ihren ureigenen Sprechduktus. Hörspieltechnisch veredelt wurde die Lesung von Produzent Oliver Versch.

Man hört, wie in der Münze gearbeitet wird, wie es in den Kellerräumen hallt, der Blubber blubbert und auf den Straßen das Pferdegetrappel der Kutschen den typischen Ankh-Morpork-Hintergrundsound bildet. Gelegentliche Musikuntermalung unterstreicht Stimmungen, schürt Spannung, deutet Wut, Zerknirschung und Wahnsinn an.

"Schöne Scheine" ist ein großes Hörvergnügen nicht nur für Scheibenwelt-Fans - dank Pratchetts Text und der gelungenen Umsetzung des Teams Versch / Aljinovic.


Es gibt im Leben nur fünf wirklich wichtige Dinge:
1. Gesundheit, 2. Geld, 3. Geld, 4. Geld und 5. Geld.

Geld ist die Triebfeder der Welt, Liebe die Kurbel.

Geld, das stumm ist,
macht recht, was krumm ist.

Geld macht nicht korrupt. Kein Geld schon eher.

Geld und Geiz bringt Not und Kreuz.

Wer nichts als Geld verdient, verdient nichts als Geld.

Geld entsteht im Kopf.

Geld allein macht nicht glücklich.

Mit dem Bezahlen verplempert man das meiste Geld.

Geld ist immer da, es wechselt nur den Besitzer.